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Geschichtlicher Überblick

Eines der landschaftlich schönsten Alpentäler ist wohl aus sprachgeschichtlicher Sicht auch das interessanteste Gebiet in den Ostalpen.
Deshalb befassen sich seit über hundert Jahren namhafte Sprachwissenschaftler mit der Erforschung dieses bis vor kurzem noch so schwer zugänglichen Hochtales.

Die extensive Namenforschung in Kals wurde durch den Lienzer Unterforcher vor über hundert Jahren begonnen, gefolgt vor allem von Finsterwalder seit den zwanziger Jahren und Prof. Hornung im Rahmen ihrer Dialektstudien, die uns auch Brauchtum und Lebensart der Kalser nahe bringen.
Außerdem interessierten sich für Kals noch Brandenstein, Waldmann und Kranzmayer neben anderen. Gerade befasste sich Maria Hornung wieder mit der Mehrsprachigkeit in Kals in einem Beitrag zum Glocknerjubiläum 2000.
           

Sprachschichten in Kals

Von Prof. Dr. Karl Odwarka

Das Kalser Tal kann in drei Abschnitte aufgeteilt werden, die sich statistisch recht stark voneinander unterscheiden.

  1. Im Norden (Abschnitt I), im Dorfer Tal und Teischnitz Tal, mit Almwirtschaft über 1600 Meter sind 67 = 38 % der Flurnamen romanisch (eigentlich könnten 18 = 8 % vorrömisch gedeutet werden), 15 = 7 % slawisch und 122 = 55 % bairisch. Im Norden (Abschnitt I), im Dorfer Tal und Teischnitz Tal, mit Almwirtschaft über 1600 Meter sind 67 = 38 % der Flurnamen romanisch (eigentlich könnten 18 = 8 % vorrömisch gedeutet werden), 15 = 7 % slawisch und 122 = 55 % bairisch.
  2. Im mittleren Teil des Tales (Abschnitt II) mit fruchtbarem Ackerboden, umsäumt von Wiesen und Weiden, beträgt der Anteil des Bairischen über 60 %, nur 2 % sind slawisch, meist in höheren Lagen, und der Rest ist romanisch mit wenig Vorrömischem.
  3. Der Süden (Abschnitt III) zeigt wieder mehr Diversität. Bairisch dominiert mit 65 %, gefolgt vom Slawischen mit 20 % und mit nur 15 % romanischem Anteil, sowie kaum Vorrömisches.

Bisher wurden die drei, eventuell vier, Sprachschichten Romanisch, Slawisch, Germanisch, sowie Vorrömisch behandelt, wobei uns die vorrömische Sprachschicht durch den Mund der Romanen vermittelt wurde. Eigentlich müsste man von fünf Sprachschichten sprechen, da ja spätestens vor 200 Jahren die Verhochdeutschungen und Verballhornungen einsetzten, vor allem durch Kartographen.

Vorrömische Schicht

Bei dieser Sprachschicht, die in der Statistik vor allem dem Romanischen zugeteilt werden kann, ist es schwierig eine Zugehörigkeit zu bestimmen. Wenn wir die Almen, die natürlich auf *alb- "Bergweide, Pass, etc.", also vorrömisches Substrat, zurückgehen, heute dem Bairischen zuschlagen, dann nur deshalb, weil Alm, Alb (ma. Alwe) als deutsche Namengebung empfunden werden, so z. B. die größte der Kalser Almen, die Dorfer Alwe, die heute kartographisch als Dorfer Tal bekannt ist. Die anderen fünf vorrömischen Namen führen wir statistisch als romanisch auf, obwohl natürlich auch eine andere Entscheidung zu vertreten wäre:

  1. Balóten, Pelóte, Palberg und Pohles (-et) - Höhe mit P.-Steig <rom. pala "steil abfallende Wiese", gilt als alpines Substratwort. Weitere sieben Namen, wie Palalm, Pallärchete, etc. sind vom HN Pahl "Paul" abzuleiten, also bairisch.
  2. Balfen an siebzehn verschiedenen Orten, als Bachlerbalfen, Bichlbalfen, Salzpalfelen, Wasserbalfen, etc. <rom. palva "Fels (Höhle)" ist ein alpines Substratwort, das wohl zwischen der heute als Bairisch empfundenen Alwe und den Balóten steht.
  3. Brazále, Prezóle und der Hofname (HN) Rubisoier (1299 Robrozáy) <kelto-rom. brucus "Heidekraut (HN etwa Taxenbacher).
  4. Tauern in fünf verschiedenen Namen wie Tauernkogel, HN Taurer, Taurer Alm, etc. von *taur- "Berg" ist ein alpines Substratwort mit der heutigen Bedeutung von Übergang. Der Taurerhof liegt unterhalb des Kalser Tauern.
  5. Das Trojasil < vorröm. "Fußweg, Steig", heute Weide mit T.-Bach.

Romanische Schicht

Das Ladinische, die Sprache der Romanen und romanisierten Kelten, konnte sich wohl bis ins 13. Jahrhundert oder länger behaupten. Slawen und Baiern erreichten das Tal wahrscheinlich bereits im 7. und 8. Jahrhundert, können aber auf die sprachliche Entwicklung des Ladinischen jahrhundertelang kaum Einfluss gehabt haben. Der Lautwandel von ka- >tscha- der nach 800 angesetzt wird, auf jeden Fall aber im ersten Jahrtausend stattfand, wurde in Kals im Wortanlaut und unter dem Hauptakzent ausnahmslos durchgeführt. Es gibt etwa zwei Dutzend Namen, die vor allem auf campus "Feld" und catinus "Kessel, Kar" zurückgehen, wie z. B. Tschangeronges <campus + runca "Rodung" und Tschadinepfohl-Alm <catinus + follis "Schlauch (im Sinne von Schlucht)".

Andererseits wurde der zu erwartende Lautwandel im Bairischen von langem i >ai und von langem u >au nicht durchgeführt, der frühestens im 12. Jahrhundert stattfand, z. B. in Rangetín <runcatina "Rodung" und Volemolín <val de molina "Mühlbach", sowie Volschgú (Schwundform) vallis (ob)scúra "Finstertal" und Leglasúren <(wahrscheinlich) (ille) aquiliu + sur(a) < supra "Platz über dem Wasser" (eine Weide). auch die HN Figer, Gliber und Mus wurden nicht diphthongiert. Die Namen müssen nach 1300 entlehnt worden sein, jedenfalls solange man noch ladinisch sprach.

Ein weiteres Zeugnis der Ladinia submersa finden wir bei den Kollektivbildungen. Unter den etwa 45 Kollektiva, die heute noch im Gebrauch sind, gibt es nur zwei auf -ach, sieben auf -et , zwanzig auf-ete, plus den HN Weideter, sowie fünfzehn romanischen Ursprungs mit ladinischer Endbetonung. Zwölf der romanischen Kollektiva enden auf -ét, z. B. Zalesöd <salicetum "Weidach", eines auf -ít Married (vielleicht) <marra "Geröll", und zwei haben den Dental verloren, jedoch die Endbetonung behalten, z. B. Ladéy <lutetu zu lutum "Kot, Schmutz".

Ob die 21 bairischen Kollektiva, wie Taxete, Sengede, Lärchete, Staudete, etc. von den romanischen beeinflusst wurden, ist ungeklärt. Auch in anderen südbairischen Dialekten findet man sporadisch kollektivähnliche Formen auf -ete, so z. B. im Osttiroler Villgratental, in Pladen/Sappada und den sieben Gemeinden des Trentino.

Slawische Sprachschicht

Der relativ geringe Anteil an Slawischem im Kalser Tal hat natürlich seine Gründe. Schließlich kamen die Slawen nicht als die neuen Herren, was sie von den Baiern unterschied und bei der Besiedlung wohl benachteiligte. Da die Slawen vor allem im weniger fruchtbaren Südteil des Kalser Tales siedelten, wo es neben meist steilen Äckern auch nur wenige Almen gab, mussten sie mit ihrem Vieh im Frühjahr nach Norden ziehen, wo sie uns dann auch einige Namen hinterließen. Es sind aber nur 7 % im Dorfer- und Teischnitz Tal und 2 % vor allem in den höheren Lagen des Talkessels, dem Hauptwohngebiet der sich im Jahrhunderte langen Bajuwarisierungsprozess befindlichen Ladiner.

Dass wir mitten im Talkessel das slawisch benannte Ködnitz finden, deutet auf Mehrsprachigkeit hin, da ja Glor (1329 Anglar <angulare) direkt oberhalb im selben Winkel des Tales und Baches liegt, die zum Großglockner führen. Slawisch Kotnica, romanisch Anglar und deutsch Winkel sind Synonyme.

Nur im Süden, wo die Slawen in Arnig, Staniska und Peischlach siedelten, finden wir heute noch mehr slawische als romanische Flurnamen. Lesach auf steinigem Boden errichtet am Südrand des Talkessels war zwar von Slawen bewohnt, wie könnte es sonst das Dorf der "Waldbewohner" heißen, die Fluren gehörten aber wohl den Ladinern und Baiern. Wie bei der Deutung der romanischen Namen finden wir, dass slawisches Namengut direkt ohne Diphthongierung ins Bairische übernommen wurde, z. B. die Ladíne <ledina "Brachland" (eine Wiese in Staniska) und der Berg (gramúl (im Dorfer Tal) <krmol, krmulja "Felsvorsprung, Anhöhe" oder <grmulja "Haufen" (vielleicht aus rom. grumulus "Haufen" entlehnt). Ein zweiter gleichlautender Berg Gremúl liegt oberhalb der Peischlacher Alm im Ködnitztal.

Kals, der heutige Name für das gesamte Tal, wird neuerdings von der Straßenverwaltung für Ködnitz verwendet; es gibt nur noch Ortsschilder Kals a.G. Das historische Kals, wohl der Talkessel, könnte aber etwa so erklärt werden: Die Slawen mussten beim Viehauf- und -abtrieb durch diesen Talkessel. Dort besteht der Kalser Bach aus vielen Rinnsalen, Lachen und Pfützen. Vor Regulierungen muss er noch breiter gewesen sein. Die Wurzel kal- im Slawischen hat die Bedeutung "Schlamm, Lache, etc." Auch gibt es heute noch die ehemalige Weide Kalús(e) im Burger Tal am Rande des Talkessels < slaw. kalu´za "Lache, Pfütze, Sumpf Morast". Deshalb könnte slaw. Kalec eher die Basis für die Benennung des mittleren Teiles des Tales gewesen sein als germanisches Kadoltes-Tal, etc. Der romanische Deutungsversuch aus cav(es)-altes scheitert natürlich am rom. Lautwandel ka> tscha.

Dass das Slowenische vor dem Ladinischen ausstarb, zeigt uns das Fehlen der Präjotation vor dem Vokal a im Anlaut, wie z. B. in Arnig. Diese Präjotation, den sogenannten j-Vorschlag, finden wir auch im übrigen Osttirol nicht. Sie hätte spätestens um 1100 eintreten sollen, kann aber bereits vor 900 stattgefunden haben.

Bairische Sprachschicht

Die bairische Sprachschicht Der Kalser Dialekt ist typisches Südbairisch, das dem Tirolischen am nächsten steht als Übergangsdialekt vom Kärntnerischen. Affriziertes kch wird z. B. schwächer artikuliert, khols nicht kchols, und die Palatalisierung des s zum sch ist ausnahmslos durchgeführt. Wie bereits erwähnt ist eine Besonderheit des Dialekts die unverschobene Übernahme von langem i und u in Namen, sowie das sehr seltene Verschieben des Hauptakzents in romanischen und slawischen Namen. Auch der heute anfangsbetonte Bergname Múntanitz hatte vor 100 Jahren noch Endakzent.

Zum Schluss noch ein Wort zu den acht Tautologien im Kalser Tal. Man ist einsprachig geworden, weiß aber um die Bedeutung eines Toponyms, die nun sozusagen sicherheitshalber wiederholt wird.

 

 

Wir finden so romanisch-bairisch: Die Pfatschpfoigrube =  "Wiesenstreifen + Grube + Grube"
Die Pfortschscharte = "Scharte + Scharte"<br />Der Folesalesbach =  "Wasserrinne + Bach"<br />Der Lareséitwald = "Lärchenwald + Wald"<br />Die Leitengliebe = "Leiten + Leit"Das Rumeloisbachle  = "Bach + (vielleicht) Mühle + Bachle"<br />Die Wolfeloare = "Wolf + Wolfsgrube"<br />sowie slawisch-bairisch: Die Daberklamm  = "Klamm + Klamm"</p>"</p>"

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